Das Portrait

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Das Bild, das zu der Portraitierten kommt.

Da, wo ich aufgewachsen bin, standen damals (ich war so zwischen 10-12 Jahre alt) die Rehe morgens am Gartenzaun.  Dann wurde dort ein Haus gebaut.  Mit dem Haus kam eine neue Familie in die Nachbarschaft mit zwei Mädchen, Barbara und Regula.  Regula war schon erwachsen und Barbara war 5 Jahre älter als ich und somit keine meiner Spielkameradinnen mehr.  Sie ging auch nicht zu den Pfadfinderinnen, sodass wir kaum Gemeinsamkeiten hatten.  Natürlich habe ich sie bewundert, weil sie war schon so erwachsen und sie hatte eine Katze, wir hatten einen Hund, somit war sie anders.

Barbara hatte einen Holländer!

Ich habe im Internet dazu noch ein Bild gefunden, Barbaras Holländer, war natürlich neu und immer blitzsauber.  Ich durfte den manchmal ausleihen, was mich sehr stolz machte.

 

Nach vielen Jahren haben wir uns ganz unerwartet in Venedig (zu Venedig wird es noch einen anderen Blogbeitrag geben) wiedergesehen.

Wir wohnten, was für ein Zufall, in der selben Pension. Ich war dabei, meine Diplomarbeit über «die Pozzi von Venedig» an der Uni Zürich fertig zu schreiben, sie war mit Ihrer Freundin genauso wie ich im kalten November 1980 in Venedig unterwegs.

Das Leben nahm seinen Lauf und beide haben ganz unterschiedliche Geschichten, Abenteuer und auch Schicksalsschläge erlebt.  Dazwischen haben wir uns mal zu einem Kaffee getroffen, das war wohl im Jahr 2000 oder etwas später. Ich wusste, dass ihre Partnerin damals sehr krank war und sie wusste, dass sich meine Mutter 1993 das Leben genommen hatte. Das Gespräch ging nicht in die Tiefe und wir hatten den Draht nicht zueinander gefunden. Ich hatte angedeutet, dass meine Mutter (sie war Kunstmalerin), ein Portrait von ihr gemalt hatte und ob ich ihr das Bild geben solle.  Sie verneinte.

Dieses Jahr im Mai 2017 sind wir uns erneut begegnet, diesmal ganz anders. Wir waren beide offen für diese Begegnung und alles was war, war gewesen.  Beide waren wir in Begleitung von unserer Lebenspartnerin.  Wir – Susanne und ich – gingen zu einer Lesung, welche Barbara anlässlich einer Veranstaltung von queerAltern gab.  Dort lernten wir auch Doris kennen.

Barbara las aus Ihrem neuen Buch “Verborgene Liebe” : Die Geschichte von Röbi und Ernst Gebundene Ausgabe – 3. November 2012

Klappentext:

In “Verborgene Liebe” erzählt das über achtzigjährige Paar Röbi Rapp und Ernst Ostertag, beide 1930 geboren, von einem Leben, in welchem sie alles, was sie öffentlich als Homosexuelle hätte erkennbar machen können, tunlichst unterlassen mussten. Jung verliebt, sie waren beide 26, konnten sie ihre Zuneigung über Jahrzehnte hinweg nur im Verborgenen leben. Ihre Träume lebten Röbi und Ernst in der Schwulenorganisation “Der Kreis”, eine 1932 in der Schweiz gegründete Organisation aus. Öffentlichkeit hätte damals Ernsts Stelle als Sonderklassenlehrer gefährdet. Erst nach seiner Pensionierung machten sie ihre Liebe öffentlich und besiegelten sie am 1. Juli 2003 auf dem Zürcher Standesamt. Als erstes gleichgeschlechtliches Paar im Kanton Zürich. Ihre jetzt vorliegende Geschichte ist eine Zeitreise durch das Leben eines ungewöhnlichen Paares, das auch im Alter neue Wege beschreitet und vor etlichen Jahren ein abermals unkonventionelles Glück gefunden hat: in einer Dreierbeziehung.

Nach der Lesung hielt mir Barbara das Buch über Ernst und Röbi hin, in Erwartung, dass ich es mitnehmen würde. Ich verneinte, ich wolle nicht unhöflich sein, aber viel lieber würde ich das andere Buch kaufen und lesen wollen.

Ich kannte die Geschichte von Erst und Röbi schon gut und hatte auch den Film «der Kreis» gesehen. (Übrigens ist in «Verborgene Liebe» mehr zu erfahren, als die bekannten Geschichten) Anm. der Autorin.

Noch nicht kannte ich Barbaras ganz eigene Lebensgeschichte.

Ich wusste, dass Barbaras Partnerin Judith verstorben war, eine Freundin hatte mir die Todesanzeige zugesandt. Ich wollte Barbara immer schreiben, aber ich hatte es nicht getan.

Später gab es ein Buch darüber, welches Barbara geschrieben hat. Ich wollte das Buch immer lesen, hatte es aber nie gekauft.

 

Klappentext:

Was passiert, wenn die geliebte Partnerin mit einer Brustkrebsdiagnose nach Hause kommt? Wie geht das Leben weiter, wenn die Krankheit viel Raum und Platz fordert? Wie lässt sich der Tod aushalten, wenn die geliebte Frau nach vierundzwanzig gemeinsamen Jahren stirbt? Wie lässt sich Abschied nehmen? Wie wichtig ist es zu trauern? Wie können Endlichkeit und Tod akzeptiert werden? Wie fühlt es sich an, langsam wieder ins Leben zurückzufinden? Barbara Bosshard erzählt, ohne zu beschönigen, von einem langen gemeinsamen Weg, der von Liebe, Glück und Hoffnung, aber auch von Leid, und Trauer geprägt war. Und schließlich erzählt die Autorin davon, wie eine neue Liebe sie wieder glücklich werden ließ, ohne dass Judith, die Verstorbene, dabei in Vergessenheit gerät.
Das Buch “Den Himmel ber
ühren” ist eine hoffnungsvolle Geschichte, die berührend aufzeigt, wie man an schwierigen Situationen wachsen kann, und in welcher weder der Tod noch die lesbische Liebe der Autorin ein Tabu sind.

 

Ich, die so viel mit Krebskranken zu tun hat, ich, die keine Angst vor Tod und Teufel hat, war nicht mutig genug, mich bei Barbara zu melden. Vielleicht weil ich nicht wollte, dass es um die Krankheit und mein Fachwissen darum ginge, sondern ich wollte ihrer Trauer den Platz geben.  Dazu braucht es beste Freundinnen und das war ich nicht.

 

Mai 2017

Jetzt war es gut.

Nach diesen vielen Jahren kamen Barbara und Doris zu uns zu Besuch. Im Hinterkopf hatte ich zwei Dinge.

Ich hatte mir endlich das Buch «Den Himmel berühren» gekauft (antiquarisch), ich wollte, dass es Barbara signiert für mich und ich wollte ihr das Bild meiner Mutter überreichen!

Dieses Bild, welches ich über all die Jahre immer wieder umgezogen hatte. Seit 1993 nach dem Tod meiner Mutter, hatte es gewartet zwischen all den anderen Bildern meiner Mutter, die ich noch auf dem Dachboden aufbewahre. Ich war mir nicht sicher, ob Barbara das Bild jetzt annehmen würde.

Das Buch war schnell signiert.

Während des gemeinsamen Essens tauschten wir aus über die 50 Jahre, welche zwischen den Jahren der Kindheit und dem heutigen Abend lagen.

Würde Barbara das Bild mitnehmen?

Diesmal zögerte Barbara nicht.

Wir hatten uns alles sehr gefreut über diesen Moment.

Bei einem weiteren gemeinsamen Nachtessen zu viert, haben wir das Bild neu bestaunen können.  Das Bild hatte nun nach genau 50 Jahren zu der Portraitierten gefunden.

© Edith E. Heitz, Mädchen mit Katze, Tempera und Acryl auf Leinwand. Im Vordergrund Barbara Bosshard.

 

Vor 50 Jahren dachte ich, Barbara sei anders. Heute weiss ich, wir sind beide anders!

Hier geht es zu Barbara Bosshards Blog https://dauerferien.wordpress.com/

Danke, dass ich über dich schreiben darf,  Herzlich Corinne

 

 

 

 

PS Ich habe mir den Trailer zum Buch angesehen, bevor ich zu lesen begann.

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