Indien Teil 16 No Problem

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No Problem

Der Tag fängt schwierig an. Shiva schreit und kann sich nicht bewegen. Vielleicht steckt ihm etwas im Hals. Ich kann nichts machen er liegt einfach nur da und wimmert.  Seraphina von nebenan bringt einen braunen Brei, vom dem der Hund ein bisschen leckt.

Mist, das ist der Tag an dem das Geld auf dem Konto sein müsste, wir müssen zur Post. Wir stehen wieder stundenlang, dann soll angeblich nichts für uns da sein! Wir bleiben stur, der Schalterbeamte solle alle Buchstaben nochmals durchgehen und ja, er hat, wie schon so oft, unsere Briefe nicht unter “H” sondern unter “C”, wie mein Vorname, abgelegt: “no problem“. Der Brief von der Schweizer Bank ist dabei, super, das Geld ist somit auf unserem indischen Konto und wir können noch heute das Motorrad bezahlen und abholen.

Zurück beim Haus, liegt da immer noch der wimmernde Hund. Seraphina verspricht, auf ihn aufzupassen. Ich nehme eine meiner Morphium-Tabletten, davon löse ich 1/4 in Wasser auf, Shiva schlabbert und schläft ganz schnell ein.

Das Motorrad

Bei sengender Hitze fahren wir wohl zum letzten Mal mit dem Bus nach Panjim. Wir gehen sofort zum Motorradgeschäft. Wir werden schon freudig erwartet. Das Geschäft wird sauber und gut abgewickelt.  Wir zahlen 1 Rupie in bar, den gesamten Betrag haben wir als Bankscheck von der indischen Bank geholt. Die eine Rupie, die man extra gibt, soll bei guten Geschäften Glück bringen. Der Gott Gamesh wacht darüber, denn es ist Donnerstag der 24. 2. 1983, ein Tag vor meinem 27. Geburtstag. Der Donnerstag ist Ganesh gewidmet.

Ganesh mit Blumenschmuck Fotalia #152069032 | Urheber: Tropical studio
Ganesh mit Blumenschmuck Fotalia #152069032 | Urheber: Tropical studio

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Motorrad hat noch keine Zulassung,  gemäss dem Händler “no problem“. Wir fahren die ersten Meter ohne Nummernschild und ohne Papiere zur Zulassungsstelle. Dort legen wir alle erforderlichen Dokumente vor. Es wird alles geprüft, auch unser internationaler Führerschein, den wir uns noch in der Schweiz haben ausstellen lassen, wird genauestens unter die Lupe genommen. Nach ein paar Hin und Her’s in dem Büro macht man uns klar, dass wir erst eine Fahrprüfung machen müssen, um einen indischen Führerschein zu erhalten.  Das Problem ist nicht, wie wir dachten, dass unser Führerschein nur für Motorräder bis 125cc Gültigkeit hat, sondern die Tatsache, dass Indien kein Abkommen mit der Schweiz hat.  Wir sollen mit einem Beamten zum Motorrad gehen.

Fahrprüfung

Doris soll das Motorrad starten und ich hinten drauf sitzen. Wir erklären, dass wir doch ohne Nummer nicht fahren dürften: “no problem“.   Wir werden angewiesen, die Kreuzung vor dem Gebäude einmal zu umrunden und wieder herzufahren.  Mit dem Linksverkehr ist das gar nicht so einfach und ich halte mich gut an Doris fest. Zurück bei dem Beamten, gibt es Fahrerwechsel. Jetzt fahre ich die Kreuzung einmal rund herum und komme zum Beamten zurück. Das Motorrad stellen wir wieder hin und sollen zum Büro kommen.

Ich habe ein Bild von der Kreuzung,  an welcher das Directorate of Transport liegt,  im Internet gefunden:

Papiere

Zu unserer Überraschung erhalten wir nun indische Führerscheine (ohne Foto). Die Umfahrung der Kreuzung, beinahe hätten wir es gar nicht bemerkt,  war die Fahrprüfung! Mein Gott, machen alle so eine Fahrprüfung?

“In Indien ist nichts leichter, als zu einem Führerschein zu kommen”, erklärt Frau Bedi. “Analphabeten, Leute, die keine Ahnung von Verkehrsregeln haben, Halbblinde, alle bekommen ihren Führerschein. Sie sind lebende Bomben.”

Auf indischen Führerscheinen gibt es kein Photo. Verliert ein Fahrer das Dokument oder wird es ihm entzogen, kann er überall mit fiktiver Adresse eine neue Fahrerlaubnis bekommen, mit dem nötigen Schmiergeld binnen weniger Tage. [1]

Wir erhalten Papiere für das Motorrad und einen Zettel mit einer Nummer. Auf die Frage, wie die Nummer nun an das Motorrad komme, erhalten wir eine überraschende Antwort, wir sollen Farbe kaufen und die Nummer drauf malen.  Ich bin bestürzt, denn das hiesse, dass wir zunächst ohne Nummer fahren würden: “no problem“.

Es gibt keine Haftpflicht und keine Versicherung, deshalb spielt es keine Rolle, ob das Fahrzeug eine Nummer hat oder nicht. Wenn etwas passiert, sollte man das Weite suchen.  Man haftet aber immer nur für das eigene Fahrzeug oder mit seinem eignen Leben.

Erste Fahrt

Wir kleben den Zettel mit der Nummer hinten an das Motorrad, weil wir das einfach nicht anders können. Bis wir Farbe gekauft haben, soll das unser Nummernschild sein.

Die erste Fahrt ist kriminell, die Strassen schlecht und schmal und wir noch völlig ungeübt im Umgang mit dem Linksverkehr.

Ich habe ein Video gefunden, welches ein Teilstück der Fahrt nach Calangute mit einem Motorrad zeigt. Damals gab es nicht so viele PKWs dafür aber erheblich mehr Taxis und Rikschas, mehr Busse und LKWs auf unserer  allerersten Fahrt (unbedingt Ton anmachen für das echte Indien-Gefühl).

Es gab damals  weniger Häuser und nur  ganz wenige kleine Läden. Die Zahl der Menschen hingegen und das permanente Gedränge, das war auch schon 1983 so.


[1] Quelle: Der Spiegel Artikel aus dem Jahr 1982 http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14346866.html

 


Kinderschar, Calangute 1983 (c) Corinne I. Heitz
Kinderschar, Calangute 1983 (c) Corinne I. Heitz

Wir kommen heil an.

Die Kinderschar umringt uns, um uns und unser neues Motorrad zu begrüssen. Sie wollen alle fotografiert werden und stellen sich auf. Am liebsten würden sie eine Rundfahrt mit dem Motorrad fahren.

Doris lässt sich erweichen und dreht mit einem nach dem anderen eine Runde durch den Palmenhain.

Doris mit Kindern , 1983 (c) Corinne I.Heitz
Doris mit Kindern , 1983 (c) Corinne I.Heitz

Krankenstation

Shiva geht es etwas besser, als wir nachhause kommen. Er kann aber immer noch nicht richtig den Kopf bewegen. Wir machen uns Gedanken darüber, ob es richtig war, ihn zu retten, ihn an uns zu gewöhnen. Die Tiere leben hier, um zu sterben, wenn sie Glück haben, länger oder eben nur ganz kurz.

Der ganz kleine Hund ist, kurz nach dem wir ihn nachhause genommen hatten, verstorben, er war voller Würmer.

Heute kommt ein Fischer mit einem tiefen Schnitt im Fuss zur “Sprechstunde”. Ich reinige die Wunde, und verbinde den Fuss, die Dankbarkeit ist mir gewiss. Am nächsten Tag erhalten wir von seiner Frau auf dem Markt 2 Fische geschenkt.


Die Temperaturen betragen nun tagsüber  ca 35 Grad C nachts mindestens 22 bis 25 Grad.  Wir schlafen noch schlechter als sonst schon.

Meine jüngste Leserin heisst Leonie und ist 10 Jahre alt :), mein jüngster Leser heisst Maximilian und ist 12,  ich grüsse sie hiermit ganz herzlich.

Fortsetzung

Den ganzen Reisebericht beginnen hier: Teil 1

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