Indien Teil 27 Dhule

Lesezeit: 4 Minuten

Früher Start

 

Wir fahren morgens früh los in Aurangabad.  Für den heutigen Tag haben wir kein Ziel und fahren einfach in Grossrichtung Nordost. Wir kennen mittlerweile unsere Kräfte und Energien recht gut und können das Tagespensum, welches wir trotz der grossen Hitze erreichen müssen,  abschätzen. Bislang war immer eine Stadt und ein Hotel  gegen Abend zu finden.

Alles Kacke

Als wir aus der Stadt fahren staunen wir nicht schlecht. Ganze Heerscharen von  Frauen und Männern ziehen zu Fuss hinaus auf die Felder;  die Frauen gehen einheitlich Richtung rechts, die Männer auf die andere Seite der Strasse. Alle haben sie einen kleinen Wasserbehälter bei sich.

Sie gehen zum Kacken! Überall sieht man sie in die Hocke gehen und ihr Geschäft verrichten. In dem Eimer oder Wasserbehälter bringen sie Wasser mit, um anschliessend ihren Hintern mit der linken Hand zu reinigen.

Keine Toiletten

Ich habe recherchiert und Unglaubliches zu Tage gefördert. Noch heute defäkieren (so nennt sich das Wort wissenschaftlich) etwa 60% der indischen Bevölkerung im Freien. Das sind über 700 Millionen Menschen, die sich täglich irgendwo erleichtern.  Wenn das auf Feldern geschieht ist es noch heilig. Meist wird in Bäche, Flüsse und Seen defäkiert, d.h. die Fäkalien gelangen in  die Trinkwasserversorgung. Wobei man sich unter “Toilette” das vorstellen muss, was im Beitragsbild (c) http://news.asiantown.net/r/39659/india-brides-leave-husbands-after-discovering-they-have-no-toilets-at-home  zu sehen ist.

Hier ein Video von einem Ort irgendwo in Indien, wo die Leute zum Bahnhof gehen für ihr tägliches Geschäft. Wenn es dumm läuft, werden sie dabei auch  noch überfahren. Mädchen und Frauen werden oft überfallen und vergewaltigt.


Gerade für Frauen sind dies unhaltbare Zustände, so wird oft vor der Verheiratung vom zukünftigen Ehemann gefordert, dass er für die Braut eine Toilette im Haus bauen müsse, bevor sie in die Ehe einwilligen würde.

Ein Richter hat im Jahr 2017 ein richtungsweisendes Urteil gefällt. Der Mann hatte seiner Zukünftigen im Jahr 2011 eine Toilette versprochen. Bis im Jahr 2017 hat er den Wunsch nicht erfüllt. Sie musste sich, wie Millionen andere indische Frauen, auf dem Feld erleichtern.  Sie reichte die Scheidung ein und der Richter gab ihr Recht:  http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/indien-frau-darf-sich-scheiden-lassen-weil-ehemann-keine-toilette-im-haus-will-a-1163748.html

Es gab auch einen Beitrag zum Hygieneproblem in Indien in ZDF heute, den man in der Mediathek findet hier klicken

 


Diesen Fäkal-Karawanen vor den Städten werden wir immer wieder begegnen, sie sind meist morgens um 7.00 Uhr und abends gegen 16.00-17.00 Uhr unterwegs.  Was uns am meisten verblüfft hat, war die Tatsache, dass bei jedem Halt, den wir in freier Landschaft machen mussten, egal wie öde die Landschaft war, immer hinter jedem Busch, schon einer hockte.

Dhule

Wir sind den ganzen Tag gefahren.  Als es schon dämmert erreichen wir die Stadt Dhulia (heute Dhule). Die Stadt wirkt völlig ausgestorben, wir kommen an eine Kreuzung mitten im Ort. Auf einem Sockel steht ein einsamer Polizist, ausser uns gibt es keine Verkehrsteilnehmer.  Als wir an ihm vorbei fahren,  hören wir seine Trillerpfeife.  Doris hält nicht an. Wir suchen nach einem Hotel und finden nichts. Wir drehen um und fahren wieder zu der Kreuzung. Als uns der Polizist sieht, pfeift er schon präventiv und es bleibt uns nichts anderes übrig, als anzuhalten. Er kommt von seinem Podest runter und schaut grimmig drein. Wir erklären ihm, dass wir ein Hotel suchen. Er gestikuliert wild und skandiert etwas von Verkehrsregeln und wir hätten nicht angehalten. Wir nehmen ihn nicht wirklich erst und das merkt er. Er zeigt zur Strasse gegenüber, da sei ein Hotel. Wie schon oft vereinbart, gehe nur ich in das Hotel, um mir die Zimmer zeigen zu lassen, Doris wartet unten an der Kreuzung mit laufendem Motor.

Das Hotel wirkt wie ein Gefängnis, alles ist vergittert und die Zimmer schauen aus, als ob man hier Frauen einsperren würde. Es ist ein altes Bauwerk, vor den vergitterten Fenstern ist zusätzliches Mauerwerk, welches nur spärlich Licht hinein lässt.  Ich habe das Hotel mittels Google nicht mehr finden können, ich bin mir sicher, es wurde unterdessen abgerissen.

Mir ist flau im Magen, irgendetwas stimmt hier nicht. Ich schaue aus dem Fenster.  Auf der Kreuzung sehe ich Doris neben dem Polizisten auf dem startbereiten Motorrad sitzen.  Sie ist umringt von mindestens 50 Männern. Die ganze Kreuzung hat sich bevölkert. Ich erwische einen kurzen Moment ihren Augenkontakt, ohne Worte verstehe ich die Not. Sie nickt  kaum sichtbar und ganz kurz und bedeutet mit ihren Augen, dass ich kommen soll. Ich sage zu dem Mann, der mir die Zimmer zeigt, dass ich mich mit meiner Freundin besprechen müsse und eile die vielen Treppen hinunter.  Draussen kämpfe mich durch die grölenden Männer zu ihr. Der Polizist hat unsere Pässe herumgereicht.  Nach einer gefühlten Ewigkeit sind die Pässe wieder bei ihm. Doris zischt: “jetzt!” Ich schnappe mir die Pässe, reisse sie dem Polizisten aus der Hand, Doris gibt Vollgas. Wir treten in alle Richtungen und machen uns so den Weg frei. Mit Höchstgeschwindigkeit und panischer Angst verlassen wir die Stadt Dhule.

Es ist dunkel und erst eine Stunde später, nachdem uns niemand gefolgt ist, trauen wir uns, anzuhalten. Wir wissen nicht, in welche Richtung wir gefahren sind und wissen auch nicht, wo wir jetzt sind.

Wie und wo werden wir diese Nacht verbringen?

 


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Fortsetzung

Den ganzen Reisebericht beginnen hier: Teil 1


 

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Auch über Kommentare zu meiner Erzählung würde ich mich sehr freuen 🙂


 

3 Antworten auf „Indien Teil 27 Dhule“

  1. traurig 😔 das es nicht genügend Toiletten 🚽 gibt
    Wir sollten eine Hilfsorganisation ( Toiletten)für Indien gründen .
    Bei jeden Umbau den wir machen, werden die Toiletten und Bäder entfernt und NEU installiert.
    Da käme eine Menge an Toiletten zusammen 🚽🚿🚽🚿

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