Militärdienst Teil 5

Lesezeit: 10 Minuten

Verlegung

In der Nacht wurde es ungemütlich.  Es wurden verschiedene Frauen zur Nachtwache abkommandiert, ich hatte  die Zeit von von 03.00 Uhr bis 04.30 Uhr erwischt. Schlechter hätte es glaube ich, nicht sein können.

Schon als ich ins Zelt ging, fing es an zu regnen.  Ich würde knapp 4 Stunden schlafen können, bis mich die Nachtwache vor mir zur Ablösung wecken würde. Es war saukalt und ich ahnte Übles.  Ich behielt die Uniform und die Schuhe an und kroch so in meinen Schlafsack.  Mein nur leichter Schlaf wurde mitten in der Nacht gestört, meine Wachrunde sollte beginnen. Ich kämpfte mich aus dem Schlafsack und spürte, wie alles nass war, zum Glück hatte ich die Schuhe anbehalten und die Uniform, so blieb alles trocken. Ich kroch aus dem Zelt, es schüttete aus Kübeln, schnell den Wintermantel und die Pelerine drüber ziehen, Kappi tief ins Gesicht, Taschenlampe raus und die Wachablösung konnte stattfinden.

Nachtwache

Ich weiss nicht mehr, wer vor mir dran war, aber sie kamen sofort zurück, denn in ihrem Zelt stand das Wasser knöcheltief. So versahen wir gemeinsam die nächsten Stunden der Wache. Die nächste Schicht weckten wir  um 4.30 Uhr. Auch bei ihnen im Zelt war es nass. Die beiden krochen aus dem Schlafsack, jetzt waren wir schon zu sechst und schlugen uns die Nacht um die Ohren.  In der Hütte schliefen tief und trocken unsere Offizierinnen und Instruktorinnen. Es war der erste und wohl einzige Moment, in welchem ich an eine Militärkarriere dachte, es war durchaus ein Ziel, nicht im Zelt zu übernachten, wenn es kalt und nass war.

Endlich war Tagwach

Mit einem schrillem Pfiff von Nicole S. wurden alle aus den Schlafsäcken und Zelten herbeigeholt.  Alles und Alle waren nass. Die meisten Zelte standen unter Wasser, fast niemand hatte trockene Kleider oder Schuhe.

Nur gut, dass wir eine Küchenmannschaft dabei hatten, die uns jetzt heissen Kaffee liefern würde.

Da wir von der Nachtwache nicht mehr ins Zelt gegangen waren, brauchten wir jetzt dringend etwas Warmes. Bei der Feldküche angelangt, sah ich gleich, dass da etwas gar nicht gut war. Erstens waren die erst jetzt mit allen anderen aufgestanden und zweitens stand da ein 50 Liter Topf mit kaltem Wasser auf zwei spärlichen Gasflammen.

Instruktorin, wieso bleibt das Wasser lauwarm? Instruktorin, wie soll ich das Brot schneiden?

Nein ich hatte keine Befehlsbefugnis.

Das war mir aber egal, als ich die Küchenchefin lautstark zusammenschiss. “Erst eine Woche lang Hörnli fressen und dann kannst DU nicht einmal Wasser kochen!” Sie schaute mich fassungslos an. “Die Küchenmannschaft hat mindestens eine Stunde vor Tagwach aufzustehen und alles zu organisieren, damit nach dem Aufstehen der Truppe das Frühstück bereit steht, wo ist das Brot?”

Das Brot müsse erst geholt werden und das Wasser koche bei ihr zuhause innerhalb von 10 Minuten. “Wer holt Brot?” schrie ich sie an, “Ich weiss es nicht” sagte sie. “Dachtest Du etwa, dass Nicole S. uns das Brot serviert oder was?!?!” Mir reichte es; ich wendete mich ab, als ich sah, dass Nicole S. die Offizierin dicht hinter mir stand. Sie meinte mit leicht sarkastischer Stimmlage, ich hätte Führungskompetenz.

Fakt war, es gab nichts Heisses zu trinken, es gab kein Frühstück, alle waren durchnässt und froren. Ich dachte nur, zum Glück ist das nicht Krieg, sondern nur ganz normaler Wahnsinn irgendwo in den friedlichen Appenzeller Bergen.

Die Kommandantinnen hatten nun  wohl auch etwas  Sorgen, denn sie mussten sich ja letztendlich um das Wohl der Truppe kümmern und es sollte nicht sein, dass jetzt alle krank werden.

Es wurden Ovo-Stangen (gepresste Ovomaltine, staubtrocken) verteilt, das war jetzt überhaupt nicht meine Vorstellung von Frühstück, sollte uns aber etwas Energie geben.

Die beiden Herren Instruktoren kamen mit einem LKW an. Es würde nun die Truppe und auch das ganze Material per LKW in eine Unterkunft gebracht.

Nicole S. befahl mir, meinen Rucksack zu holen, den Rest würden die anderen mitnehmen, ich sei ihre Fahrerin für diesen Tag.

Adjudantin

Zunächst wusste ich nicht, ob es sich um eine Ehre oder um eine Strafe handelte, dass ich zur persönlichen Adjudantin der obersten  Chefin avancierte.

Wir stiegen ein in einen weissen Golf  mit Militärkennzeichen. Ich musste mich erst wieder umstellen, von Pinzgauer auf PKW war gar nicht so einfach. Schnell stellte sich heraus, dass es sich um das eigene Fahrzeug von Nicole S. handelte. Im Kriegsfall würde sie mit diesem Fahrzeug einrücken, das Auto war in Friedenszeiten Teil der mobilisierten Armee, dafür bekam sie einen Nachlass bei den Haltungskosten des Fahrzeugs.  Mit leerem Magen war ich keine gute Diplomatin.

Ich merkte an, dass es doch überhaupt keinen Sinn mache, im Jahr 1984 mit einem PKW zu fahren, der im Kriegsfall eingezogen würde, da ja die Schweiz sowieso in keinen Kriegsfall verwickelt würde und wenn doch, das Auto schon vollkommen verrostet wäre.  Frau S. erklärte mir die Philosophie der Schweizer Armee und deren permanente schnelle Einsatzbreitschaft durch Milizsystem und die Tatsache, dass nicht erst Waffen und Material im Zeughaus gefasst werden müssten, sondern sozusagen auf Mann und Frau verteilt in der ganzen Schweiz sofort verfügbar seien. Grundsätzlich macht das ja Sinn, nur wie gesagt, bis zum Kriegsfall wäre ihr Auto verrostet. Ich blieb standhaft bei dieser Argumentation.

Sie liess mich bei einem Café anhalten.  Wir betraten das Lokal, bestellten Kaffee und Croissants, mein Tag war gerettet, Frau S., starke Raucherin, gab mir eine ihrer Zigaretten und so sassen wir noch eine kurze Zeit im Warmen. Das hatte ich mir wohl irgendwie verdient, dachte ich.

Unterkunft

Wir kamen zu einem Zivilschutzbunker, wo die Truppe untergebracht wurde. Da ich gestärkt war, wurde ich ohne Betreten des Bunkers zur Wache abkommandiert. Zusammen mit einer etwas kleineren Jurassierin, was bedeutete, dass ich zusammen mit einem Temperamentsbolzen  ruhig dastehen sollte.

Nicole S. steckte mir mit einem Augenzwinkern eine Zigarette in die Brusttasche und verschwand im Bunker.  Es war kalt und feucht, es hatte nicht  aufgehört zu regnen. So standen wir da und warteten und bewachten den Bunkereingang. Es kam niemand raus und es kam niemand rein.

Ranghoher Besuch

 

Meine Kameradin hüpfte von einem Bein zum anderen , sie konnte auf keinen Fall stillstehen. Nach Stunden verspürte ich nur noch Hunger und Kälte.  Da griff ich zu der Zigarette, obwohl Rauchen bei der Wache strickt verboten war. Kaum hatte ich sie angesteckt und einen Zug genommen, näherte sich Ungemach in Form eines hoch dekorierten Offiziers. Ich sah nur die dicken Streifen am Hut und bekam es nicht mehr hin, welchen Rang er bekleidete.  Erst sprach er meine Kameradin an, die sagte nichts, einfach gar nichts, auch kein militärischer Gruss kam von ihr. Irgendwann sagte sie, “je ne parle pas le Suisse Toto“, was salopp gesprochen heisst, sie spreche kein Schwiizerdütsch.  Das irritierte den Herrn, mich amüsierte es, es war so richtig jurassisch und rebellisch. Er wandte sich mir zu, oh je ich sagte”Fahrerin Heitz“, grüsste noch korrekt mit der Hand am Kappi und dann verliessen mich die guten Geister, ich stammelte: “Herr Oberleutnant” , wusste gleich, das war falsch, weil Oberst-Leutnant richtig gewese wäre. Derweil meine Zigarette, die ich hinter dem Rücken mit der anderen Hand hielt, anfing meine Fingerkuppen zu versengen. Ich sah, wie der  Oberstleutant einen hochroten Kopf bekam. Er deutete in die Gegend und sprach” es ist hinlänglich bekannt, dass im Kriegsfall leider auch auf unbewaffnete und Frauen geschossen würde” Ich muss ihn wohl völlig fassungslos angesehen haben, wieder deutete er in die selbe Richtung: “Da steht Rot und kann Sie sehen” Ich war noch fassungsloser, schaute dahin wo er hindeutete und sah nur grüne Wiesen. Dann brüllte er: “Gehen Sie in Deckung verdammt nochmal, Sie können doch nicht einfach so herumstehen, da werden Sie erschossen!” Von der Logik her verstand ich, was er meinte, ansonsten jedoch absolut nur Bahnhof. Ich stellte mich hinter einen Busch und konnte endlich die Kippe loslassen, ohne, dass er das sah. Ich rief noch “zu Befehl” und grüsste. Er ging wütend in den Bunker.

Wachablösung

 

Nach ungefähr 10 Minuten kam Sylvie V. aus dem Bunker und brachte zwei Kameradinnen zur Wachablösung mit.  Sie hatte auch einen hochroten Kopf, es musste irgendetwas vorgefallen sein.

Als wir in den Zivilschutzbunker kamen wurden wir aufgeklärt.

Erstens hatte man uns vergessen. Zweitens jedoch wurde in unserer Abwesenheit und ohne, dass wir dies erfahren hätten, der Krieg erklärt. Explizit hatte Rot Blau den Krieg erklärt, selbstredend, dass wir blau waren.

Ich wusste nicht ob ich jetzt lachen oder schreien sollte, aber irgendwie war ich wütend. Ich machte mir erneut Luft, indem ich die mangelnde Kommunikation und auch Organisation rügte. Der Oberstleutnant hatte natürlich in der Kommandozentrale, so hiess unser Bunker ab jetzt, reklamiert, dass da oben zwei Frauen stehen, die eine kann kein Deutsch und die andere kann nicht grüssen. Da kam es denen erst heilig in Sinn, dass wir vergessen wurden.   Auch die Verpflegung erreichte uns nicht. Unten in der Zentrale kratzten alle etwas Essbares zusammen und gaben es uns, ich wollte nur noch schlafen.

Der nächste Schicksalsschlag ereilte mich: Mein Rucksack, mein Schlafsack, nichts, was zu meiner Ausrüstung gehörte, war mitgekommen. Irgendwie war ich jetzt seit 24 Stunden auf den Beinen und fror. Der Rucksack war im Auto der Kommandantin geblieben, mein Schlafsack irgendwo und wahrscheinlich nass. Sylvie V. bot mir an, mit ihr gemeinsam in ihrem Schlafsack zu schlafen. Oh herrje, noch eine schlaflose Nacht. Schlafsäcke sind per se eng, zu zweit super eng;  Umdrehen, nicht möglich.

Als es hell wurde, verliess Silvie das Lager, ich konnte so noch 2 Stunden ausschlafen.

Letzte Tage

Ab da hatte ich nur noch Sondereinsätze. Ich glaube auch, dass ich, wenn das so weitergegangen wäre , desertiert wäre.

Ich durfte oder musste jedesmal mit dem Pinzgauer ausrücken, wenn jemand Mist gebaut hatte. So blieb ein Jeep stehen, weil das Benzin ausging. Ich fuhr einen Kanister dahin. Musste wichtige Dinge, wie Zigaretten beschaffen oder Mahlzeiten einkaufen.  Der Höhepunkt der Verlegung war jener Morgen, als wir zurück in die Kaserne fahren sollten.

Alles war aufgeräumt, alles war versorgt, alle hatten ihre Sachen und wir sollten geordnet den Rückzug nach Winterthur antreten. In der Kommandozentrale wurde wieder der Frieden ausgerufen, aber einsam hing da ein Schlüssel, der zu einem Pinzgauer gehörte.

“der gut getarnte Pinzgauer, ist kaum mehr aufzufinden” … “so ist es eehhm”

Wir mussten abends die Fahrzeuge immer “verstecken” und tarnen, so kam es, dass ein Fahrzeug so gut getarnt wurde, dass es nicht mehr auffindbar war. Wäre da nicht der Schlüssel übriggeblieben, niemand hätte ihn vermisst.

Nach einer  Stunde  intensiver Suche hatten wir ihn gefunden,  unter ein paar Bäumen mit Tarnnetz versehen, bis zuletzt wusste niemand, wer ihn dahin abgestellt hatte.

Besuchstag und Ende

Der Höhepunkt und Abschluss dieser Ausbildung sollte ein Besuchstag in der Kaserne sein. Dafür wurden alle Fahrzeuge auf Hochglanz poliert. Eine Jede von uns würde eine andere Uniform tragen, damit das ganze Spektrum an Ausrüstung gezeigt werden könne. Da ich die längste Fahrroutine von allen hatte, wurde ich auserwählt, einen Pinzgauer mit 4x4Antrieb mit Winterausrüstung, sprich Schneeketten vorzuführen, was bedingte, dass ich ebenso in Winteruniform erscheinen würde.

Es konnte nicht anders sein, der Tag, an welchem dies stattfand, war sonnig und warm. Ich stand vor dem Fahrzeug mit Fellmütze und Winterausrüstung und ging schier ein.

 

Abschluss

 

Am letzten Tag mussten die Fahrzeuge ins Zeughaus gefahren werden. Dort wurden sie gereinigt und abgedieselt (alle sichtbaren beweglichen Teile, wie z.B. Achse oder Nabe wurden mit Diesel eingerieben).

 

Der Abschied fiel uns nicht leicht. Man wächst zusammen, wenn man so viele seltsame und mühsame Erlebnisse teilt.

Das Gefühl dazu zu gehören, hört von einer auf die andere Minute auf und man ist wieder auf sich gestellt. Am Morgen brüllt einem niemand mehr an und sagt, was man anziehen soll. Ich stand vor dem Schrank zu hause und wusste nicht mehr so recht, wie das geht, selber zu entscheiden.

Ganz besonders möchte ich an dieser Stelle Nicole S. danken für ihr Gespür. Wann immer wir Ausgang hatten oder Abtreten am Wochenende und auch am Schluss dieser Rekrutenschule, sie verlangte von mir eine kleine Spezialaufgabe. Z.B. ein Fahrzeug noch zum Tanken zu fahren oder mit zwei anderen noch eine kleine Reparatur auszuführen, was zur Folge hatte, dass ich nicht mit Rock nach hause fahren konnte.

Dazugehören

Es war ein gutes Gefühl, zu den Romands dazu zu gehören. Mein Vater, der viel zu früh 1981 verstorben war,  ist in Montreux geboren und mich verband somit etwas mit seiner Heimat und Sprache.

Noch ein Jahr lang besuchte ich Verkehrsschulungen und Weiterbildungen, meist auf dem Waffenplatz in Payerne, wo wir so richtig im schweren Gelände das Fahren übten. Der Pinzgauer ist kein sicheres Fahrzeug, so kam es auch zu Zwischenfällen.

 

Ich machte noch einen Wiederholungskurs im Jahr 1985. Das hatte ich dann körperlich leider nicht mehr geschafft. Ich musste den Dienst quittieren, weil ich Mühe hatte mit meinen Schmerzen, weiter zu machen.

 

 

Somit hatte auch diese Zeit ihr Ende genommen.

Manchmal träume ich noch heute nachts, dass ich im Militär bin und wir irgendwelche verrückten Sachen machen müssen.

Die Bank

Wir erinnern uns, die Bank verlangte für die Gleichbehandlung, dass ich als Frau Militärdienst mache , wie jeder Mann.  Als ich zurückkam, bekam ich eine ziemlich lapidare Antwort auf die Frage, ob ich nun für die Beförderung vorgesehen sei, denn ich hatte einen Vorschlag zur Offizierslaufbahn erhalten. Für die Bankkarriere war das zumindest bei den Männern oft ausschlaggebend, denn die bestätigte, dass man das Zeug zur Führungskraft habe.

Das war kein richtiger Militärdienst, das war ja nur Frauenhilfsdienst.


An dieser Stelle noch ein Nachruf:

Wie ich erfahren musste, ist Nicole S. 2015 an Krebs verstorben. Ich hätte sie gerne noch einmal getroffen nach all den Jahren, sie war eine starke Persönlichkeit mit viel Feingefühl und auch Durchsetzungsvermögen, eben eine Führungskraft, sie war (m)ein Vorbild!

Nicole S.

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Ich werde eine Blogpause einlegen, es warten wichtige Projekte auf mich, dann und wann werde ich aber etwas schreiben, einfach weil es mir Freude bereitet.

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Auch über Kommentare zu meiner Erzählung würde ich mich sehr freuen 🙂

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