Der Engel von Venedig

Lesezeit: 8 Minuten

Eine wahre Geschichte

Prolog

Ich war kurz vor Beendigung meines Studiums an der Universität Zürich, im Hauptfach Kunstgeschichte, im Nebenfach Philosophie.  Das Thema meiner Lizentiatsarbeit (Master) in Kunstgeschichte war “Die Pozzi von Venedig” (Brunnen).  So kam es, dass ich sehr oft nach Venedig fahren sollte, dies mit einem Studentenbudget und einer ganztägigen An- oder Rückreise mit dem Zug.

Das liebe Schicksal besorgte mir einen Aushilfsjob beim grössten Reiseveranstalter der Schweiz.  Die Aufgabe: Kreuzfahrtpassagiere entweder vom Hafen von Venedig abholen und in die Schweiz begleiten, oder zum Schiff nach Venedig bringen.

Zunächst war auch noch Genua dabei, nachdem wir aber schon bei der Einschulung im Zug überfallen wurden und ein Passagier später starb (das ist eine andere Geschichte), wurde diese Destination gestrichen bzw. wir erledigten das an einem einzigen Tag. Mit dem TE-Express von Zürich hin, dem Zugführer sagen, er solle bitte warten, die Leute im Hafen abgeben, zurück mit dem selben Zug.

Venedig

Es muss das Jahr 1979 gewesen sein, in welchem ich so alle zwei Wochen nach Venedig fuhr. Musste ich die Leute zum Schiff bringen, blieb ich immer ein paar Tage länger; wenn ich sie abholte, kam ich zwei Tage früher an.  Ich musste möglichst alle Brunnen fotografieren und vermessen. Ich kannte Venedig mittlerweile wie meine eigene Westentasche und bald kannte man auch mich.  Es war schon auffällig, wenn eine junge Frau mit dem Metermass mitten auf einem Platz in Venedig, einen Brunnen vermisst und diesen von allen Seiten fotografiert. 

Tagsüber war Venedig immer voll mit Menschenmassen, abends waren diese verschwunden, es gab dann kaum noch Touristen und so lernte ich einige echte Venezianer kennen, wenn ich abends noch etwas essen ging. Ansonsten, man kann sich das kaum mehr vorstellen, war Venedig nachts wie ausgestorben.

 

Ein besonderer Tag beginnt

Ich übernachtete wie immer in der Nähe von San Marco. (In demselben Hotel hatte ich auch ganz zufällig ein Jahr später, meine damalige Nachbarin Barbara getroffen.)

Ich war schon drei Tage zuvor angekommen und sollte am Sonntag sehr früh, eine Gruppe von 16 Personen am Schiff abholen und in die Schweiz begleiten.

Ich stand an der Bootsanlegestelle und wartete, auf mein Linienschiff,  um mit dem Vaporetto zum Hafen zu fahren. Es war neblig und kalt. Ich blickte zur Kirche Santa Maria della Salute hinüber und sah dieses monströse Kreuzfahrt-Schiff aus dem Nebel auftauchen;  fast so wie in Fellinis Film Amarcord. Ich erschrak, denn ich war noch nicht im Hafen und das Schiff lief schon ein. Mein Vaporetto kam und ich war innert kurzer Zeit im Hafen angekommen.

Zu meinem Erstaunen lag das Schiff zwar festgetäut an der Mole,  ich sehe jedoch keinen einzigen Menschen dort. Es gab keine Kofferträger, keine Hafenarbeiter und auch keine Passagiertreppe zum Schiff. Üblicherweise würde ich hoch zur Rezeption ins Schiff gehen, die Passagierliste für meine Reise entgegennehmen und die Gruppe noch an Bord begrüssen. Wann immer ich dort an der Rezeption stand, packte mich dieses unglaubliche Fernweh, oft wäre ich so gerne auf dem Schiff geblieben.

Irgendetwas stimmt heute nicht. Es ist viel zu ruhig in dem Hafen. Ich gehe auf die Capitaneria del Porto zu, um mich zu erkundigen. In der Kantine nebenan sind die Fenster von innen beschlagen und ich höre lautes Reden und Schreien im Innern. Ich gehe hinein. Die Luft ist zum Abschneiden, Zigarettenqualm und der Geruch von hart arbeitenden Männern -Schweiss und Meersalz-  und ein immenser Lärm kommen mir entgegen. Ich frage mich durch, bis mir jemand die Sachlage erklärt : Sciopero, Streik!

Es ist Streik

Ich stehe ganz hinten an der Bar. Ich habe keinen Plan, denn nichts geht mehr. Ein  sehr gut aussehender und gut gekleideter junger Mann mit schwarzem lockigem Haar und stahlblauen Augen steht plötzlich vor mir.  “Ich heisse Mauro, ich bin von der Agentur vor Ort, ich kümmere mich um alles” Ich traue meinen Augen und Ohren nicht, er bestellt mir ein beliebtes italienisches Getränk (heisst so wie ein ebenso beliebter italienischer Sänger) auf Eis,  legt mir eine Schachtel Zigaretten hin und verschwindet. Bääh morgens schon  Alkohol ! Ich bestelle noch einen Café (Espresso) dazu, stecke eine Zigarette an und trinke das spendierte Getränk. Wenn das nur gut geht!

Ich warte

eine gefühlte Ewigkeit. Mauro taucht aus dem Nichts auf und sagt: “Alles erledigt, komm mit” Wir gehen zum Kanal, der den Hafen mit dem Bahnhof verbindet. Ich sehe zwei Schiffe, das eine voll mit Gepäck, das andere mit meinen Passagieren.  Ich kann es kaum fassen und frage noch : “Wie hast Du das gemacht?“, da ist Mauro schon weg.  Sodann stelle ich mich meiner Gruppe vor, erkläre, dass es heute etwas anders zu und her geht, dass wir schnellst möglich zum Bahnhof müssten, denn wir hatten den Zug nach Zürich bereits um Stunden verpasst.

Milano

Mit dem Zug fahren wir bis Milano. Die Gruppe ist etwas missgelaunt, denn es hat nichts so geklappt, wie es sollte. Besonders auffällig ist ein Herr aus Zürich, der dauernd nörgelt und erwähnt, dass so etwas mit der Firma niemals passieren dürfte, nicht bei diesen Kosten und so fort. Ich versuche zu beschwichtigen, wo ich kann, denn für einen Streik in Venedig, kann  niemand etwas, schon gar nicht ich. Wir hatten keine reservierten Sitzplätze im Zug, meine Gruppe ist verstreut, da ich sie nicht im Schiff abholen konnte, kenne und erkenne ich die Personen kaum.  Erst spät kommen wir in Milano an. Ein Teil der Gruppe trennt sich von mir, sie können einen direkten Zug nach Genf nehmen, denn sie stammen aus der französischen Schweiz. Ich habe jetzt noch ca. 9 Personen, die ich nach Zürich bringen muss. Vom Reiseveranstalter gut ausgerüstet, suche ich in meinem Kursbuch nach dem richtigen Zug und dem richtigen Gleis. Voller Erwartung stehen wir da und hoffen, dass der Zug bald einfährt.

Kein Zug

fährt ein und es wird auch keiner einfahren. Der nette Herr reisst mir mein Kursbuch aus der Hand, super, es ist der Winterfahrplan und nicht der Sommerfahrplan! Jetzt wird er unverschämt und brüllt rum. Ich erkläre ihm, dass ich Studentin sei, dies sei ein Aushilfsjob und wir seien nicht mit allen Mitteln für alle Widrigkeiten ausgestattet worden. “Es werde ein Nachspiel geben”, sagt er noch, da gibt es in meinem Ohr ein metallisches Geräusch, ich höre eine Stimme, die sagt:”Hol einen Mietwagen“. “Nein, bitte keine Stimmen“, denke ich, und schon kommt die Antwort:“doch, geh, nimm ihn mit”. Ich frage also den unangenehmen Menschen, ob er mitkomme, ich wolle einen Mietwagen holen. Die Stimme sagt:”geh rechts” .. dann lange nichts, “geh links“…. dann geradeaus, “noch 100 Meter, so jetzt sind wir da.” Währenddessen schreit er neben mir:“Sie wissen doch gar nicht, wo Sie hin müssen, um diese Zeit hat eh alles zu, haben Sie überhaupt genug Geld dabei?”

Und schwups stehen wir vor einem Autovermieter, da brennt Licht und es ist auch jemand da. Die Stimme sagt:“er hat eine Kreditkarte”. Am Schalter erkläre ich von welcher Firma ich komme, die wollen aber einen Voucher sehen, um mir einen Wagen zu geben, den habe ich natürlich nicht, der Herr neben mir grummelt etwas und ich frage höflich: “Haben Sie vielleicht eine Kreditkarte? Sie könnten mir jetzt eigentlich wirklich helfen”. Ungern bezahlt er den Leihwagen, es ist ein Bus für 10 Personen. Da ich einen Taxiführerschein besitze,  darf ich den sogar fahren.

Die Stimme sagt mir zuverlässig, wie ich fahren muss. Zunächst holen wir die anderen am Bahnhof  ab, dann lotst mich die Stimme quer durch Milano auf die Autobahn, die über den San Bernardino Pass in die Schweiz führt. Ab da höre ich nichts mehr. Nicht von der Stimme und auch nicht von dem Grummler. Wir kommen früh morgens nach Zürich, ich habe alle Passagiere abgesetzt, nur der Mürrische, der muss noch bis Horgen gefahren werden. Als er aussteigt, macht er nochmal seine dummen Bemerkungen, er werde das melden und er wolle Schadenersatz und natürlich sein Geld für den Mietwagen. Seit Venedig sprach er mich mit “Frau Hinz” an. Jetzt sage ich ihm freundlich aber bestimmt: “Wenn Sie reklamieren wollen, ist das ok, ich heisse jedoch Heitz mit T Z!” Er wurde plötzlich ganz kleinlaut: ” ist Ihr Vater Frédéric Heitz?” “ja, ist er”.

Das ist mein Chef, sagen Sie bitte freundliche Grüsse.

Nachspiel

Zuhause angekommen, falle ich ins Bett.  Noch am gleichen Tag ruft das Reiseunternehmen an, ich müsse am nächsten Tag  ins Büro kommen für das Debriefing meiner Tour von Venedig nach Zürich.

Meine Chefin schaut mich völlig erstaunt an, als ich die Geschichte erzähle, ich erzähle alles, so wie es war, nur nichts von der Stimme. Man will mir unerlaubtes Fahren mit einem Transporter für mehr als 6 Personen vorwerfen. Ich kontere, dass ich das mit meinem Taxiführerschein durfte. Des weiteren habe ein Kunde Geld vorstrecken müssen, das gehe gar nicht. Ich frage nach, wie ich das bitte ohne Voucher mitten in der Nacht hätte lösen sollen, wenn wir als Reiseleiter nicht einmal 100 Franken Notgeld dabei hätten? Der richtige Weg wäre gewesen, alle Passagiere hätten in einem Hotel übernachtet auf Kosten vom Reiseunternehmen und am nächsten Tag wäre die Reise fortgesetzt worden.  Es gab ein kleines Wortgefecht, denn das war ja wirklich die dümmste mögliche Lösung gewesen, ohne Geld Leute im Hotel unterbringen, das hätte ja noch viel mehr gekostet als ein Auto zu mieten.  Ganz am Schluss hat man sich dann doch noch bedankt für meinen beherzten Einsatz. Als ich schon zur Türe hinaus war, rief die Chefin noch:

“Ah… und noch was, wir haben keine Agentur in Venedig und es wurde auch niemand beauftragt!”

Zwei Wochen später

Ich fahre mit dem Zug und einer Reisegruppe von 15 Personen von Zürich nach Venedig.  Bevor es aufs Schiff geht, sind noch ein paar Stunden Zeit. Das Gepäck wird beim Bahnhof deponiert und ich mache eine kleine Tour durch Venedig mit der Gruppe. Ich zeige ihnen die wichtigsten Sehenswürdigkeiten und die wichtigsten Souvenirläden.  Zur richtigen Zeit gebe ich die Passagiere an der Rezeption der Achille Lauro (so heisst das Schiff) ab. Ich frage nach einer zuständigen Agentur in Venedig, ich bekomme eine Adresse, da will ich heute noch hin, ich muss Mauro finden.

Eigentlich überrascht es mich nicht wirklich. In der Agentur versichert man mir, sie hätten niemanden zum Schiff geschickt als der Streik war und sie hätten auch keinen Mitarbeiter der Mauro hiesse oder auf den die Beschreibung passen würde. Am nächsten Tag besuche ich die Souvenirläden vom Vortrag, es ist nämlich so, dass Reiseleiter Provisionen erhalten, wenn sie ihre Gruppen zu den Läden führen, für mich ein willkommener Zustupf.

Epilog

Immer wieder habe ich Mauro überall  in Venedig gesucht,  ich wurde nicht fündig. Niemand kannte ihn, auch nicht im Hafen und nicht in der Kantine und keine Reisegesellschaft oder Agentur hatte jemals so einen Mitarbeiter.

Die Stimme begleitet mich auch heute noch, wenn ich mich nicht auskenne und beim Autofahren habe ich oft das Gefühl, es sässe jemand auf dem Beifahrersitz.  Ich musste akzeptieren, dass ich in Venedig wohl einem Engel begegnet bin.  Mauro und die Stimme, dass musste derselbe Engel gewesen sein, anders liesse sich das, was passiert ist,  nicht erklären.

Jahre später hatte ich gewagt, zu fragen, wie denn “die Stimme” heisse, die Antwort war:

Serafin

So kam es, dass ich  bei der Gründung meiner Praxis im Jahr 1997, spontan den Namen Serafin Naturheilpraxis AG wählte.  Im selben Jahr habe ich ihn auch gemalt, den Engel von Venedig und von der Praxis.

SERAFIN


Ich wünsche meinen Leserinnen und Lesern

frohe Festtage und ein gesundes und erfolgreiches Neues Jahr

Ihre / Eure

Corinne Heitz

Fast hätte ich es vergessen:

Schaut doch mal in meine neue Webseite rein https://corinneheitz.com

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