Indien Teil 6 die Hand

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Die Hand

 

Am nächsten Morgen sind wir beide ziemlich fertig. Die erste Nacht auf dem steinharten Bett war vor allem geprägt von der Ungewissheit, wie es Doris in den nächsten Tagen mit ihrer Brandverletzung gehen würde.

Wir wachen auf, weil jemand ganz wild mit einer Fahrradklingel in der Nähe unseres Häuschen schellt. Zu unserer Überraschung ist es tatsächlich ein Fahrradfahrer, der quer durch die kleine Siedlung fährt. Er hält auch bei uns und er hat frische Brötchen zum Verkauf. Wie schön!

Wir kaufen gleich 4 Stück und sind so begeistert, ein so richtig schönes Frühstück zu haben. Ich koche Wasser, wir machen uns Tee und setzen uns auf unsere Terrasse.

Es muss sich herumgesprochen haben, dass Doris einen Unfall hatte und ich sie verbunden habe. Die Nachbarn kommen zu uns und wollen wissen, was passiert ist. Sie wollen die verbundene Hand sehen und sind sehr erstaunt darüber, dass wir uns ohne ärztliche Hilfe selber zu helfen wussten.

Doris wird darüber entscheiden, ob wir in Indien bleiben können oder zurück in die Schweiz fliegen müssen. Einen Arzt oder ein Krankenhaus vor Ort aufzusuchen erscheint uns -aus hygienischen Gründen- keine gute Option zu sein. Ich werde alles tun, damit sich die Hand nicht entzündet und Doris meint, sie hält es aus mit den Schmerzen. Ich habe genug Verbandsmaterial für eine Woche und täglich wechseln wir den Verband. Doris erzählt mir, dass sie in ihrem Beruf als Köchin einmal einen schweren Unfall hatte. Sie ist auf dem Küchenboden ausgerutscht und hatte sich im letzten Moment mit einer Hand festhalten können, landete aber mit dem ganzen Arm im heissen Öl der Fritteuse. Sie musste für 2 Wochen ins Krankenhaus, wo man ihr täglich immer wieder die nachwachsende Haut entfernt hat, damit es zu keinen Narben käme. Tatsächlich sieht man an dem Arm überhaupt nichts mehr. Von ihrer Erfahrung profitierend, pflege ich sie nach ihren Anweisungen. Täglich entferne ich die Haut, desinfiziere und verbinde.

Das Leben findet auf unserer Terrasse statt. Die Nachbarn schauen  interessiert zu, wie ich die Hand verbinde. Vor allem die Kinder kommen immer näher und sitzen oft auf der gegenüberliegenden Bank und sehen zu.

Die Nachbarn

Unsere Nachbarn sind auch die Vermieter unseres Häuschens. Sie wohnen uns direkt gegenüber. Die Familie besteht aus Grossmutter mit 2 Töchtern, won welchen eine verheiratet ist, der Mann lebt ebenfalls in dem Haus. Sie haben zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen. Da ist noch ein weiteres  Mädchen, sie ist viel jünger und hat einen etwas helleren Hautton, sie ist vielleicht das Kind der unverheirateten Tochter.

Nachbarskinder Calangute (c) 1983 Corinne I. Heitz
Nachbarskinder Calangute (c) 1983 Corinne I. Heitz

Ihr Haus ist nicht viel grösser als unsres. Es gibt noch einen kleinen Anbau, in welchem ein “gestrandeter” Kanadier wohnt.

Er hat wohl in den

70-er Jahren den Absprung nicht mehr geschafft. Er lebt Zahn- und Passlos in dieser kleinen Hütte, hat einen Papayabaum und wie wir vermuten, ist er der Vater des kleinen Mädchens.

Das kleine Mädchen 1983 Calangute (c) Corinne I. Heitz
Das kleine Mädchen 1983 Calangute (c) Corinne I. Heitz

Immer wieder reist er nach Bombay und versucht einen Kanadischen Pass zu erhalten, damit er nachhause kann. Doch es scheint so, dass man ihn weder hier noch dort wirklich haben will.

 

 

 

 

 

Sie alle und wir nutzen gemeinsam das Doppel-Plumpsklo.

Plumpsklo
Plumpsklo 1983 (c) Corinne I.Heitz

Auf dem Foto oben sieht man  das Klo und das Schwein, welches sich in der Kloake suhlt.

Die Krankenstation

Der Mann der Nachbarsfamilie ist Fischer. Jeden Morgen fahren die Fischer mit ihren Holzbooten hinaus auf’s Meer. Am Strand werden die Netze gesäubert und getrocknet.  Das Meer ist ziemlich wild hier und es ist nicht einfach mit den Booten über die Brandung hinaus zu gelangen.

An einem späten Nachmittag, kommt der Mann zu uns. Ich staune nicht schlecht, als er mir sein blutende Hand hinhält. Er hatte sich böse geschnitten, eine grosse Wunde klaffte in seinem Daumenballen. Er flehte mich mit seinem Blick an, dass ich ihn auch verbinden solle. Ich rate ihm, zum Arzt zu gehen, das müsse man nähen.

Von meinen Krankenhauspraktika auf Station und auch im OP kannte ich mich zumindest so gut aus im Verarzten solcher Wunden, dass ich nach vehementem Kopfschütteln des Mannes klein bei gab und die Flasche mit dem Arrak zur Desinfektion holte.

Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und heftete die die Wunde mit einer Nähnadel, die ich zunächst etwas gebogen hatte, und Zwirn (etwas anderes hatte ich nicht)  mit einem Stich zusammen.  Nadel und Faden hatte ich zuvor in einem Glas Schnaps eingelegt. Der Fischer verzog zwar das Gesicht, war aber ob meines Mutes dankbar.

Ich ermahnte ihn, die verbundene Hand nicht ins Wasser oder in Schmutz zu bringen und er müsse jeden Tag zum Verbandwechsel zu mir kommen. Sollte er krank werden oder die Hand stark schmerzen, müsse er zum Arzt.

Das Verbandsmaterial und auch der Schnaps würden mir ausgehen, um Doris’ Hand ebenfalls weiterhin  regelmässig zu verbinden und behandeln.

Wir nehmen uns vor, am nächsten Tag in eine grössere Stadt zu fahren, um alles Notwendige in einer Apotheke einzukaufen.

Fortsetzung

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