Indien Teil 20 Konfrontation

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Der Tag danach

Nach dieser Nacht war alles anders. Wir sind angegriffen worden. Es ging eine Scheibe in Brüche,

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unser Motorrad wurde mit Absicht beschädigt. Was aber viel schlimmer wiegt, wir sind in unserem Innersten in Frage gestellt, indem man uns mit “Lesbians” beschimpft. Ich muss hier anfügen, dass im Jahr 1983 Homosexualität in hohem Masse strafbar war und es bis heute noch ist und es auch immer wieder zu Steinigungen von Frauen kam.

 

Seit der britischen Kolonialzeit beinhaltet das indische Strafgesetzbuch aus dem Jahr 1861 Section 377, der “sexuelle Handlungen wider die Natur” unter Strafe stellt. Das Strafmaß variierte in der Vergangenheit zwischen zehn Jahren Gefängnis und lebenslanger Gefängnishaft. Jedoch wurde seit rund zwanzig Jahren in Indien keine Verurteilung nach Section 377 zu einer Gefängnisstrafe wegen einer gleichgeschlechtlichen Handlung ausgesprochen. Oft hingegen wurden Lesben und Schwule Erpressungen ausgesetzt, oder es wurden durch die Polizei Haftarreste ausgesprochen.

Unsere Nachbarn und Vermieter sind mit der Situation überfordert. So etwas hatten sie noch nie erlebt. Wir fragen uns durch, wir wollen wissen, wer so etwas tut.  Wenn auch nur zögerlich so erzählt man uns nach und nach, was man gesehen oder gehört hat in der Nacht.  Den meisten ist es unangenehm, denn wirklich Böses will uns hier niemand.  Dass hier jemand wirklich zu weit gegangen ist, das sehen alle ein. Schliesslich wissen wir, wer es war und wo sie wohnen.

Nur die Flucht nach vorne erscheint uns der richtige Weg zu sein, um nicht in permanenter Angst leben zu müssen, Angst vor Inhaftierung und vor Gewalt. Zur Polizei können wir nicht gehen, denn auch dort begeben wir uns in Gefahr.

Konfrontation

Wir gehen zu dem Haus, wo wir die beiden Jugendlichen vermuten. Wir haben uns nicht vorher abgesprochen und so weiss ich noch nicht, was ich sagen , noch wie ich reagieren werde. Ich weiss nur, dass wir eine grosse Wut in uns haben und in Relation dazu, viel weniger Angst.

Vor dem Haus sitzen zwei Halbwüchsige, die uns mit den Blicken aus ihren schwarzen Augen fast durchdringen, wir halten Stand, gehen auf das Haus und die beiden zu. Wir starren zurück und ich platze vor Wut heraus: “Was habt ihr getan, weshalb macht ihr das? “ Zunächst Schweigen, dann sagt einer: “Aber ist seid zwei Frauen und das ist nicht normal”.

Ich brülle ihn an und schreie aus mir heraus, dass das, was sie gemacht haben nicht normal sei. Es gäbe keinen Grund zwei Frauen anzugreifen und es tue überhaupt nichts zur Sache ob wir ein Paar seien oder nicht, weil sie das doch gar nicht wüssten. Dass es eine Sch..Behauptung sei und dass dies kein Grund sei unser Motorrad kaputt zu machen. Und überhaupt, sei Indien nicht der Mittelpunkt der Welt und dass die Gesetze aus eine hinterwälderischen Zeit stammten und Frauen woanders mehr und bessere Rechte hätten.  Dass es in unserem Land völlig normal sei, dass zwei Frauen zusammen eine Reise antreten. Die Tränen stehen in meinen Augen aber ich dränge sie zurück.

Ich frage, wieso er denke, dass wir ein Paar seien. Ganz kleinlaut kommt die Antwort, dass wir in einem Zimmer schlafen. Ich flippe schier aus, ich erkläre ihm, dass hier ganze Familien bis zu 8 Personen in einem einzigen Raum schlafen, ob die denn deshalb alle Inzest begingen?

Doris sagt auch noch etwas ziemlich laut und ziemlich auf Schweizerdeutsch. Das Ganze beendet sie mit: “Schekett“, einem Wort, welches sie von einer früheren Reise aus Israel mitgebracht hatte, was soviel heisst wie “halt die Klappe”.

Die Jungs sind perplex, mit so etwas haben die niemals gerechnet. Ich brülle immer noch wie ein Stier und verlange, dass sie die Scheibe zahlen. Dass sie uns in Ruhe lassen sollen und dass wir verlangen, dass sie uns und Frauen überhaupt zu respektieren hätten. Es kommen ein paar junge Männer aus der Nachbarschaft hinzu, sie bleiben aber in gefühlt gutem Abstand stehen.

Wir machen kehrt auf dem Absatz und lassen die Beiden verdutzt da sitzen, wo wir sie angetroffen hatten.


Nach all den Jahren und den vielen Nachrichten aus Indien, welche von Massenvergewaltigungen und Gewalt an Frauen berichten, muss ich im Nachhinein sagen, das hätte auch schief gehen können.

Die Jungs haben sich bei unserer Nachbarn am nächsten Tag entschuldigt und werden wohl auch für die Glasscheibe zahlen.

Bei uns hingegen ist etwas zerstört worden. Das Leben hier in Goa war bisher schon schwer genug, jetzt aber fühlen wir uns nicht mehr wirklich sicher. Der Tag der Abreise rückt näher.

Ab jetzt begleitet uns die Angst.

Zwischenwort

Während ich über diese Reise, die nun über 30 Jahre zurückliegt, schreibe, spüre ich oft, wie mich die eigene Geschichte sehr bewegt und einholt. Die Bilder vor meinem inneren Auge sind sehr real. Sie berühren meine Seele und ich fühle mich zurückversetzt in diese Zeit in Indien. Einiges ist bis heute nicht wirklich verdaut, denn es waren zum Teil so einschneidende Erlebnisse, dass ich diese noch bis heute verdrängt hatte.  Mit dem Schreiben tauchen sie auf aus der Distanz und es gelingt mir hoffentlich, diese meiner treuen Leserschaft so zu vermitteln, dass meine und Doris’ Gefühle zwar präsent sind, jedoch nicht dominieren.

Diese Folge bewegt mich sehr.  Es war ein furchterregendes Erlebnis, dass die Scheibe eingeschlagen wurde. Viel schlimmer aber, Doris und ich wurden einschneidend in unserem Innersten getroffen.  Ich habe mir lange überlegt, wie ich diesen Tag am besten beschreiben könnte. Wenn man plötzlich von zwei Seiten (Gesetzen und dummen Menschen) wegen des eigenen  Lebensstils in Gefahr gebracht wird, fühlt sich das vernichtend an. Dies obwohl wir uns niemals in irgendeiner Weise auffällig verhalten hätten. Der Auslöser kann nur Neid gewesen sein, denn so ein Motorrad, das hätten diese Jugendlichen natürlich auch gerne gehabt.

Weshalb wir das überhaupt aushalten konnten, liegt einzig und alleine an dem Umstand, dass Doris und ich uns jederzeit blind vertrauen und uns zu 100% auf einander verlassen konnten. Nicht in einer einzigen Situation haben wir uns überworfen, weil wir etwas hätten anders machen müssen.


Das Titelbild (trauernde Frauen) dieses Artikels stammt von einer Webseite welche sich mit häuslicher Gewalt gegen indische Frauen beschäftigt. Die Gewalt gegen Frauen hat sich nicht etwa gelegt, sondern hat seit 1983 noch massiv zugenommen.

http://www.eyeartcollective.com/why-domestic-violence-laws-in-india-fail-to-protect-victims/


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Fortsetzung

Den ganzen Reisebericht beginnen hier: Teil 1


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Auch über Kommentare zu meiner Erzählung würde ich mich sehr freuen 🙂


 

2 Antworten auf „Indien Teil 20 Konfrontation“

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