Zurück zum Anfang
Es ist August im Jahr 1983, wieder sind wir in Bombay und wieder wollen – oder eher müssen- wir nach Goa. Hier hatte unsere Reise – Teil 1 -im Januar begonnen.
In einem Reisebüro buchen wir unsere Flüge. Zunächst nach Goa und zurück. Wir wollen Abschied nehmen und möchten ein paar Tage in Calangute verweilen. Dort müssen wir auch unsere eingelagerten Sachen abholen, Kleider, Bücher und die Gitarre.
Ab Bombay fliegen wir in die Schweiz, diesmal nicht mit einem Billigflug via Prag, sondern mit Swissair via Rom nach Genf. Wir haben am Ende dieser Reise mehr Geld, als wir am Anfang hatten, dies wegen des Verkaufs des Motorrads und des Geldes von American-Express. Somit leisten wir uns jetzt alles, was wir brauchen ohne auf die Kosten achten zu müssen.
Goa zum Zweiten
Auf dem Weg zum Flughafen in Bombay wird Doris ihre ganze aufgestaute Wut im Taxi los. Der Fahrer verlangt für die Fahrt umgerechnet 50 US-Dollar, was für indische Verhältnisse etwa 1000 Dollar entsprechen würde, das ist absoluter Wucher. Wir müssen nachgeben, um unsere Energien für die Weiterreise aufzuheben.
Calangute
Wir landen in Panjim und nehmen uns ein Rikscha Taxi nach Calangute, den Preis kennen wir vom ersten Mal und machen den gleich fix aus.
Es ist Monsun, das bedeutet: Luftfeuchtigkeit 100%, durchschnittliche Temperatur über 30 Grad, das ist kaum auszuhalten. Als wir ankommen, steht Calangute unter Wasser, es regnet in Strömen.

Wir werden mit Jubel im Dorf empfangen, niemand hatte wirklich geglaubt, dass wir zurück kommen.
Als Erstes gehen wir zu dem Haus, wo unsere Sachen sind. Es wurde alles für uns eingelagert und es scheint auch nichts zu fehlen. Wir öffnen die Koffer. Oh Schreck: Die Kleider sind allesamt verschimmelt, feucht und nicht mehr zu gebrauchen. Die Bücher schauen entsprechend grau und grün aus, am Schlimmsten ist die Gitarre von Doris, an den Bundstegen hat sich Grünspan breit gemacht. Bis auf wenige Bücher und die Gitarre, werfen wir alles weg. Irgendwie tut nichts mehr weh; wir sind dabei, das Vergangene loszulassen und nehmen Abschied.
Der Gürtel in meiner Hose (aus Leder), schimmelt während ich ihn trage, ebenso unsere Schuhe, alles ist feucht und klamm und fühlt sich ganz grässlich an.
Shiva
Wir kommen zu unserer ehemaligen Bleibe. Auch hier werden wir sehnsüchtig erwartet. Shiva, unser Hund für die Zeit, als wir in Calangute lebten, liegt auf der Terrasse und wedelt überglücklich, als er uns sieht. Doch er steht nicht auf. “Wassermelönli” und Mutter Serafina kommen auf uns zugerannt, nehmen uns in die Arme und erzählen uns, dass es Shiva seit zwei Tagen nicht gut gehe, dass er nicht mehr aufstehen könne und einfach nur noch da liegt.
Mit überglücklichen Augen schaut uns Shiva an, er hat uns vermisst und ist froh, dass wir da sind. Ich vermute, dass er die Hundestaupe hat, er ist gelähmt und als er versucht, vor Freude aufzustehen, kann er sich nur im Kreis drehen. Noch jetzt, wenn ich das schreibe, kommen mir die Tränen, das war ein furchtbar trauriger Moment. Ich hatte mich entschieden, ihn zu erlösen, doch wie? Hier hat keiner eine Pistole oder ein Gewehr, auch wollte ihn niemand einfach so töten.
Ich suche meine Reserven an Morphium-Tabletten, löse sie alle in Wasser auf und gebe sie Shiva zu trinken. Als ob er gewusst hätte, dass das die Erlösung sei, trinkt er das ganze Wasser leer. Wir bleiben eine Stunde bei ihm, bis er mit einem letzten Schwanzwedeln die Augen für immer schliesst. Es ist, als ob er auf unsere Rückkehr gewartet hätte, um für immer von uns zu gehen.
Hotel
Wir gehen in das Hotel, wo wir die Nächte mit dem Betrüger durch gefeiert hatten. Man erkennt uns wieder und ist sehr erfreut, dass wir uns für drei Nächte einquartieren. Zur Monsunzeit gibt es hier absolut keine Gäste.
Wohin wir kommen, freuen sich alle, das zumindest versöhnt uns mit Indien.
Und irgendwie sind wir die Heldinnen des Ortes geworden. Sie haben nicht wirklich geglaubt, dass wir mit dem Motorrad durch halb Indien fahren werden, dass wir zurückkehren und vor allem, dass wir das unbeschadet überlebten.
Hunde
Ganz aufgeregt kommt ein Junge ins Hotel gestürzt, wir sollen kommen. Wir gehen zu einem Haus am Ortseingang, dort hat man wohl die Mutter von Shiva aufgenommen. Es freut uns, dass man hier ein bisschen etwas von uns gelernt hat, nämlich gut zu den Tieren zu sein. Wie konnte es anders sein, sie hat Junge geworfen! Und so geht das Elend der streunenden Hunde von Calangute weiter.

Hier entstehen die letzten Bilder von uns in Indien. Wir sind abgemagert und krank, das sieht man. Es wird Zeit, dass wir aufbrechen. Alle Verknüpfungen scheinen sich ohne, dass wir etwas tun müssen, aufzulösen.


Die Reise ist noch nicht zu Ende, es folgt die Heimreise, das Ankommen und ein Rückblick.
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Den ganzen Reisebericht beginnen hier: Teil 1
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