Indien Teil 9 Laute Nächte

Lesezeit: 4 Minuten

Shiva

Unser kleiner Hund war völlig geschafft nach der Versorgung mit Schiene und der Flohprozedur. Er schlief 24 Stunden am Stück  bei uns im Haus durch. Nach 2 Tagen hat er sich recht gut erholt und beginnt unser Leben auf den Kopf zu stellen. Immer wenn er etwas will,  fängt er an, erbärmlich zu schreien, weil er noch nicht selbständig gehen kann.

Wir wollen nicht, dass er sich zu sehr an uns gewöhnt und haben ihn deshalb vor die Türe gesetzt. Er muss irgendwann ohne uns zurecht kommen.

Wir hoffen auf den Tag, an dem ich ihm die Schiene abnehmen könnte (dazu mehr am Ende des Beitrags).

Tiere

Es gibt hier keine Abfallentsorgung, das übernehmen in der Regel die Tiere.

Krähen picken alles auf, was an verwertbaren Überresten herumliegt, sie sind gute Aas Verwerter.

Schweine
Schweine Calangute 1983 (c) Corinne I. Heitz

Die Schweine entsorgen die menschlichen Exkremente.  Das führt dazu, dass unsere Besuche auf dem Plumpsklo immerzu begleitet sind von dem Hausschwein der Nachbarn. Während unserer Verrichtung steht das Schwein schmatzend hinter uns. Es kommt immer öfter vor, dass wir versuchen, die Sau zu verscheuchen, bevor sie merkt, was wir vorhaben.

Wenn ich in der Küche koche, kommt die Sau oft bin zum Eingang und steckt den Kopf durch die Türe. Das ist geruchlich nicht immer erbaulich, auch kam es vor, dass einmal ein Tampon an ihrem Ohr hing, als sie herein spitzte.

Was jedoch irgendwo im Sand oder auf den Strassen liegen bleibt, sind Sachen aus Plastik.  Zum Glück gibt es davon nicht viel. Es wird auf den Märkten und in den Läden alles in Papier eingepackt.

Schlaflos

Schnell haben wir uns angewöhnt, mit den Hennen ins Bett zu gehen und mit dem Hahnenschrei oder der Fahrradglocke aufzustehen.

Das Bett ist kein Bett, sondern ein Brett und deshalb steinhart. Da es sehr warm ist, brauchen wir unsere Schlafsäcke nicht  zum Zudecken, sondern wir benutzen Sie, um darauf zu  liegen, das dämmt etwas die Härte des B(r)ettes. Zunächst dachten wir es war vollkommen unnötig, dass wir eigens ein Moskitonetz mitgebracht haben. Es zu haben, ist ein Segen. Nachts kommen aus allen Ecken und Ritzen daumengrosse Kakerlaken gekrabbelt. Jeder Versuch, sie zu erschlagen oder aus dem Haus zu bringen ist zwecklos.  Sie tun nichts, aber es fühlt sich ganz furchtbar an, wenn sie nachts die nackten Haut berühren mit ihren langen Fühlern oder Beinen. Wir legen das Moskitonetz über uns, damit wir sie nicht spüren müssen.

Einmal eingeschlafen, werden wir jede Nacht von jaulenden und heulenden Hunden geweckt.

Streunende Hunde

Die verwilderten Hunde sind seit vielen Jahren ein Problem in Indien und ganz besonders in Goa. Schon Gandhi ¹ wollte, dass alle streunenden Hunde  zu erschiessen seien, denn sie bringen Krankheiten und vermehren sich unkontrolliert. Es gab damals viel Opposition und er konnte sich nicht durchsetzen. Der Hund ist die unterste Stufe der Inkarnation (Kasten), d.h. er ist ein Lebewesen ganz unten in der Reihenfolge aber eben ein Lebewesen. In Kombination mit der katholischen Glaubensrichtung der ehemals portugiesischen Kolonie  Goa, kommt dabei im Umgang mit Tieren nichts Gutes  raus für den Hund. Er ist entweder unterste Inkarnation oder hat keine Seele oder beides.

Uns wird berichtet, dass in Goa ein zusätzlicher Faktor, die Situation verschärft. Die Schweine fressen die menschlichen Exkremente. Weil es hier viele Drogensüchtige gibt, haben die Schweine Fehlgeburten, diese werden von den streunenden Hunden gefressen, was dazu führt, dass die Hunde verrückt werden. Vielleicht ist das der Grund für das allnächtliche laute Jaulen und Bellen. Hinzukommt, dass hier jeder 2. Hund sichtbar krank ist, entweder hat er die Räude oder ist voller Parasiten. Bei den Katzen schaut es nicht besser aus, oft sehen wir tote  Kätzchen am Strassenrand liegen.


Heute im Jahr 2017 hat Indien immer noch das gleiche Problem mit streunenden Hunden. Mittlerweile sollen es ungefähr 25 Millionen sein. Hinzukommen grosse Umweltprobleme, dieses Video machte erst neulich die Runde durch die sozialen Medien. Durch Gift verseuchte streunende Hunde, haben sich blau verfärbt.


Shiva

Wir lassen also den kleinen Shiva vor der Küchen-Türe und wollen, dass er draussen bleibt in der Nacht.  Er hat eine Decke zum Liegen bekommen, eine Schüssel mit Wasser und etwas zum Fressen.

Wir sind keine Stunde im Bett, als er wild zu heulen und schreien anfängt. Wir rennen sofort zu ihm. Oh Schreck!

Um Shiva herum haben sich Ratten versammelt, sie sind grösser als er!  Es schüttelt uns. Schnell schnappen wir den Hund, nehmen alles rein und er darf ab sofort drinnen schlafen.

Ein nächtlicher Gang zum Plumpsklo wird fortan nur von Stock und Taschenlampe begleitet angetreten.


¹  Der indische Staat tut wenig, um die Straßenhunde zu kontrollieren.
Der Grund: Laut Artikel 51A(g) der indischen Verfassung ist es die Aufgabe jedes Bürgers, die Umwelt zu schützen und Mitgefühl für jedes Lebewesen zu zeigen. Nach indischem Recht ist es illegal,
Straßenhunde von ihren Lagerplätzen zu vertreiben – auch wenn die vor der eigenen Haustür sind.

Wenn die Behörden aktiv werden, fangen Hundefänger die aufdringlichen Tiere zwar ein – aber nur, um sie ein paar Tage später geimpft und sterilisiert wieder an ihrem Stammplatz abzuladen. Das staatliche “Animal Welfare Board of India” lässt keinen Zweifel, auf wessen Seite die offiziellen Stellen stehen: Sollte ein Straßenhund schnappen oder beißen, “soll dem menschliche Aggressor die alleinige Schuld zuerkannt werden”.

Quelle: Spiegel online


Fortsetzung

Den ganzen Reisebericht beginnen hier: Teil 1

2 Antworten auf „Indien Teil 9 Laute Nächte“

Schreibe einen Kommentar

Translate »

Entdecke mehr von Gedankenflut

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen