Horror Vacui: Die Angst vor der Leere und ihre Alltagsdimension
Der Begriff Horror Vacui stammt aus der Kunstgeschichte und bedeutet wörtlich „Angst vor der Leere“. Ursprünglich beschrieb er den Impuls, jede Fläche mit Ornamenten, Mustern oder Details zu füllen, wie man es etwa in der barocken oder mittelalterlichen Kunst sieht. Doch der Horror Vacui ist mehr als ein ästhetisches Phänomen – er spiegelt eine universelle menschliche Angst wider: die Furcht vor der Leere in unserem Alltag, vor der Stille und dem Nichtstun.
“Wir können niemals sagen, welches die wahre Realität ist, bis wir sie selber entdecken!” (Ich)
Ich war 5 Jahre alt als sich Folgendes ereignete.
Ich erinnere mich sehr gut.
Es war der 13. August und mein Vater hatte Geburtstag. Wir hatten keinen Fernseher, aber man hörte regelmässig die Nachrichten am Radio. Die abonnierte Zeitung (Neue Zürcher Zeitung) kam damals noch 3 Mal täglich ins Haus.
Beim Mittagessen, es war Sonntag, sagte mein Vater: “Wieso müssen die das immer an meinem Geburtstag machen?”
Was? (Ich)
“Nun der Abwurf der beiden Atombomben war eine Woche vor meinem Geburtstag, als ich 33 Jahre alt wurde, ab da war die ganze Welt zu dieser Zeit im August in Trauer.”
“Jetzt bin ich fast 50 und es passiert schon wieder.”
Was? (Ich)
“Sie bauen eine Mauer um den deutschen Osten, die DDR*.”
Ich verkürze hier den Dialog, es war aber so, dass ich das nicht verstanden habe. Wieso bauen die eine Mauer um ihr eigenes Land? Ich fand auch nicht, dass deshalb der Geburtstag von meinem Vater ein geringerer war, schliesslich waren wir drei – meine Eltern und ich – von dem Ereignis nicht wirklich betroffen. Hätten die im Radio nichts gesagt, hätten wir gar nichts davon gewusst.
Am nächsten Tag
Ich frage meine Mutter, wieso die da eine Mauer gebaut haben und wie ich mir das vorstellen muss. Die Erklärung war ungefähr diese:
Die Menschen sollen im eigenen Land bleiben und sollen nicht von Westdeutschland beeinflusst werden. Sie sollen keine Freiheit mehr haben und müssen im Sozialismus leben, der schreibt vor, was jeder darf. Damit das funktioniert, gibt es zum einen die Mauer und man kontrolliert alle Bewohner der DDR.
Und ja sie dürfen nicht über die Mauer und es gibt keine offenen Grenzen. Niemand darf hinein oder heraus. Viel schlimmer noch war wohl die Tatsache, dass diese Mauer mitten durch bewohntes Gebiet ging und Familien durch die Mauer von einem auf den anderen Tag getrennt wurden. Das konnte ich mir dann wirklich nicht vorstellen.
Wenige Tage später gab es Bilder vom Mauerbau in der Zeitung. Es war gar keine Mauer, es waren Zäune mit Stacheldraht. Menschen versuchten zu flüchten in den Westen. Dieses Bild hatte ich nie wieder vergessen:
„Sprung in die Freiheit“ in der Bernauer Straße: Der DDR-Grenzpolizist Conrad Schumann springt über den Stacheldrahtverhau; Aufnahme 15. August 1961 (Foto: Polizeihistorische Sammlung des Polizeipräsidenten in Berlin)
Das Foto in der NZZ zeigte den Soldaten von vorne. Die Vorstellung, einfach so eingesperrt zu werden, bedrückte mich. Ich hatte 1000 Fragen und keine wirklichen Antworten, bis es zu diesem Streitgespräch kam.
Wieder und wieder fragte ich nach dem Warum. Ich sagte, es mache doch keinen Sinn, den Menschen innerhalb der Mauer alles das, was ausserhalb ist, zu verbieten und eine nicht wahre Realität zu erschaffen. Ich konnte mir auch gar nicht vorstellen, wie man so etwas machen kann, vor allem aber nicht weshalb!
Meine Mutter erklärte mir, das sei eigentlich ganz einfach. Im Osten dürfe man keine Westpresse lesen, die sei verboten, man könne nicht unsere Nachrichten empfangen, das sei verboten. Man würde diesen Menschen in der DDR einfach eine andere Wahrheit erzählen.
Aber wieso sollen sie das glauben, wenn es nicht die Wahrheit ist? (Ich)
Meine weiteren Fragen drehten sich darum, wie es möglich sei, Menschen einfach eine andere Wahrheit zu erzählen, wenn doch alle wüssten, was wahr sei.
Irgendwann würden die Menschen es glauben, meinte meine Mutter.
Das führte zu meiner nächsten Frage, diese führte zu einem vehementen Streit.
Woher willst Du dann wissen, dass das, was in Deiner Zeitung steht, die Wahrheit ist? (Ich)
Meine Mutter wurde deutlich lauter in dem Gespräch. Sie versuchte mir zu erklären, dass auf die NZZ Verlass sei, denn das seien ja die offiziellen Quellen. Alles würde von seriösen Nachrichtenagenturen übermittelt und die Journalisten würden immer alles sehr gut und sauber recherchieren.
Sie konnte mich nicht überzeugen. Ich stand den Tränen nahe, ich fühlte mich nicht verstanden. Es muss doch jedem klar sein, dass das, was in der Zeitung steht, immer nur dann stimmt, wenn es der eigene Staat zulässt.
Meine Mutter konnte mich nicht verstehen. Für mich war eines klar, von dem Tag an wusste ich:
Die Wahrheit muss man suchen und es gibt nicht nur eine.
Diesen Staat DDR habe ich viele Jahre versucht zu verstehen, habe mich immer interessiert dafür, wie es wohl den Menschen geht. Hatte auch gehört, dass z.B. Familien sich besuchen durften und dann die aus dem Westen, viele Dinge mitbringen durften, die es in der DRR nicht gab.
Als die Mauer fiel, habe ich Rotz und Wasser geheult, endlich waren die Menschen aus meiner Kindheit wieder frei!
Als ich zum ersten Mal das Höhlengleichnis von Platon gelesen hatte, wurden meine Fragen endlich beantwortet: Wir können niemals sagen, welches die wahre Realität ist, bis wir sie selber entdecken!
* Ein weiteres Streitgespräch drehte sich um den Begriff der Demokratie in der Bezeichnung der Deutschen (D) Republik.
Aber wie sollte ich das mit 5 Jahren auch verstehen können. Scheinbar wurden die Begriffe einfach so verwendet, wie es “denen”, wer auch immer das war, in den Sinn kam. Ich lernte, dass Begriffe, je nach Interesse, austauschbar sind. Im Osten war es Demokratie, im Westen sagten sie dazu Diktatur.
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Ich war 1976 an der Universität in Basel eingeschrieben und hatte begonnen, Medizin zu studieren. Ich wohnte in einer Wohngemeinschaft mit zwei anderen Studentinnen und begann mein recht bewegtes Leben.
Nicht mehr zu Hause bei den Eltern bedeutete zunächst einmal, Freiheit!
Wir befinden uns an der Schwelle zur Globalisierung. Die Bank, die einst einfach eine grosse Schweizer Bank war, expandiert. Zunächst im europäischen Raum, später auch nach USA. Die Börse handelt mit Papieren weltweit und der Anspruch an die EDV wird ein zeitlich unbegrenzter.
Wie schön, mein Blog wurde von Hiba http://www.traintravellove.com für den Liebster Award nominiert. Der Award soll jungen Blogs (und auch älteren Bloggerinnen) die Chance geben, sich mit anderen zu vernetzen, um gefunden und gelesen zu werden. Diesen Award gibt es seit 2011, damals sah das dazugehörige Signet so aus, und zeigt der Bloginhaberin mit aller Deutlichkeit an, dass ihr Blog, der liebste sei. Ich bedanke mich recht herzlich bei Hiba für diese (Ein)- Schätzung. „Liebster Award“ weiterlesen
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